Beifang
Kommentare 2

Wolfslosung

wolfslosung1

Wenn man mit einer begeisterten Abenteuerbiologin verheiratet ist, muss man sich bestimmten Naturphänomenen unvoreingenommener nähern als Nichtbiologen für normal halten. Konkret heißt das: ab und zu fotografiere ich Tierkacke.

Art: Losung des Wolfs (Canis lupus)
Erstsichtung: Mai 2015
Ort: Truppenübungsplatz Jüterbog, Naturpark Nuthe-Nieplitz
Habitat: Wald, Heide

Karte wird geladen - bitte warten...

Wolfslosung 52.071910, 13.077164 (Routenplaner)

Wenn man unter urbanen, modernen Menschen besonders abgeklärt wirken möchte, dann lächelt man angesichts gesellschaftlicher Absurditäten etwas entrückt, nimmt ein Schlückchen Sekt auf Eis aus dem Riedel-Glas und näselt beiläufig ein falsch verstandenes Terenz-Zitat: „Mir ist nichts Menschliches fremd.“ Das ist in dieser Absolutheit natürlich fast immer enormer Quark. Aber das eigentliche Ziel dieser Aussage ist kein grundsätzlich verdammenswertes, nämlich die eigene Unvoreingenommenheit positiv hervorzuheben.

Biologen dagegen, so muss ich es anhand des Beispiels meiner Biologenfrau vermuten, würden eher sagen: „Mir ist nichts Tierisches fremd“. Wenn wir gemeinsam durch die Natur taumeln – es ist immer ein Taumel, getrieben von spontanen Entdeckungen, so dass 50 Meter Wegstrecke eine Stunde bedeuten können – dann gilt genau das: Unvoreingenommenheit gegenüber der Tierwelt (Pflanzen ignorieren wir tendenziell). Und eben auch gegenüber den Hinterlassenschaften der Tiere, Spurenlese, Fährten verfolgen, das gehört dazu. Einmal haben wir anderthalb Stunden eine frische Wolfsspur verfolgt, die über ein sandiges Wege-Geflecht verlief, ständig halb kniend, halb herabgebeugt, jeden Schritt zwar beglückt quiekend, aber mit brutalstmöglicher Behutsamkeit setzend, um eventuelle Wolfsspuren nicht zu zertrampeln. Wenn man immer sicherer wird in der Bestimmung von Tierspuren und immer weniger Schwierigkeiten damit hat, eine Spur auch über längere Distanzen zu verfolgen, dann spürt man irgendwann eine erhebende Sherlockigkeit in sich aufsteigen, das Gefühl nämlich, aus der Beobachtung der Umwelt mehr schließen zu können als auf den ersten Blick sichtbar.

Spuren von Tieren sind enorm aufschlussreich, man kann an ihnen oft die Tierart erkennen, die Zahl der Tiere, die Größe oder das Alter und auch das jeweilige Verhalten. Nicht nur Fußspuren im Schlamm oder im Sand zählen dazu, sondern auch Fellbüschel auf dem Boden, gegrabene oder ins Holz gehackte Löcher, abgenagte Rinde, abgelegte Häutungen, zerbrochene Eier, Federn, Hörner und Knochen und eine Menge mehr. Eigentlich ist die ganze Welt voller Spuren, wenn man es genau nimmt, existieren kaum tierspurlose Orte. Einige Vögel hinterlassen auf spitzen Ästen aufgespießte Insekten, viele Greifvögel haben feste Plätze zum Rupfen kleinerer Vögel, und es gibt so genannte Gewölle, die zum Beispiel von Eulen ausgewürgten Reste kleiner Nager.

Und es gibt Losung. Das ist ein Biologencode für den Tierkot bestimmter Wildtiere. Aus der Perspektive der Tierbestimmung ist Losung höchst vielsagend. Man kann erkennen, was das Tier gegessen hat, ob es also ein Raubtier, ein Allesfresser oder ein Pflanzenfresser ist. Die Form der Losung ist häufig arttypisch. Auch der Ablageort sagt viel über das Tier aus, weil bestimmte Tiere ihren Kot zum Markieren ihres Reviers verwenden, wodurch man dann auch die Reviergrenzen erkennen kann. Füchse etwa koten kokett auf erhöhte Plätze, damit der Geruch sich besser verbreitet. Das ist weniger großartig, als es auf den ersten Blick anmutet, weil frischer Fuchskot riecht wie Herrenumkleide mal Raubtierhaus plus Abdecker im Hochsommer. Dachse deuten erst eine gewisse Zivilisiertheit an, indem sie kleine Bodenvertiefungen graben und dort hineinlosen – versagen dann aber auf der Zielgeraden völlig und schütten den Kotplatz nicht wieder zu, wie es sich eigentlich gehören würde. Der Luchs ist im Katzenstyle eine Spur reinlicher und zivilisierter, aber irgendwie auch egozentrischer: Rund um seinen Bau deckt er den Kot sorgfältig mit Erde zu, an seinen Reviergrenzen dagegen legt er ihn erhöht ab. Wie Waschbären und Baummarder hinterlassen auch Wölfe ihre Losung gern auf Wegen wegen der größeren Sicht- und Riechwahrscheinlichkeit.

Weil also Losung so außerordentlich aussagekräftig ist, meiner Biologenfrau nichts Tierisches fremd ist und ich selbst eine gewisse Begeisterung bei der Tierentdeckung entwickelt habe – bin ich, ohne es so explizit anzustreben, zum Teilzeit-Kackefotografen geworden. Die Fotogalerie meines Smartphones sieht nach Ausflügen oft so aus:

IMG_2591

Die Hände und Füße werden zum Größenvergleich danebengehalten. Echte Kackeprofis legen ein Maßband daneben, aber wir vergessen das Maßband einfach jedes einzelne Mal. Abgesehen davon ist man vielleicht selbst als hypertoleranter Mann einer begeisterten Biologenfrau nicht so irre erpicht auf den Ehrentitel Kackeprofi.

Die Kotfotografie hätte ich vor, sagen wir, zehn Jahren jetzt nicht unbedingt in die Top Ten meiner zukünftig wahrscheinlichen Lieblingsbeschäftigungen einsortiert, aber eine schöne Lektion findet sich auch darin: Man kann sich der Natur einfach nicht mit den Regeln der schnöden, ja ohnehin nur ausgedachten Zivilisation nähern. Wie etwa auch beim Arzt Zivilisationsregungen wie Scham kontraproduktiv und sogar gefährlich sein können, muss man der Natur ohne falsche Scheu gegenübertreten. Sonst wird man bescheuklappt nur sehen, was einem in den zivilisierten Kram passt und dann kann man ja auch gleich mit einem Martini im Kreis um den vernachlässigten Basilikumtopf in der Küche herumschlendern, statt ins nervenaufreibende Draußen zu fahren, wo man ständig sein Leben, seine Akkuladung oder sogar Edge-Empfang risikiert. Spazieren am Limit.

Das eventuell bei einigen Leuten vorhandene, verkrampfte Verhältnis zu Tierkot hat übrigens eine interessante, kulturelle Subkomponente. In anderen Gegenden wie den dothrakischen Steppen benutzt man Pferdemist als Brennstoff oder zum Behausungsbau. Als Dünger ist er auch hier von Landwirtschaft bis Balkongärtnerei selbstverständlich (Jauche, Guano). Und es ist gar nicht lange her, da hat man in einem zugegebenermaßen sehr merkwürdigen Kulturkreis sogar Tierkot gegessen. Ja, ernsthaft, und ich bitte darum, hier nicht vorzuverurteilen.

Das entsprechende Gericht heißt „Schnepfendreck“, naheliegenderweise handelt es sich um den Kot des Schnepfenvogels. Schnepfendreck ist eine traditionelle Delikatesse in einem kulinarisch durchaus fragwürdigen Land namens Deutschland, ein altes deutsches Sprichwort verkündete sogar: „Schnepfendreck ist der beste Schleck„. Soviel zum manchmal auf hippen Internetseiten schrill aufbereiteten Thema „Crazy Speisen aus anderen Ländern“, das immer ein wenig mit dem verächtlichen Amüsement über exotische Kulinarik spielt, haha, die Schweden essen faule Fischkonserven, und die Chinesen essen vergammelte Eier, so diese Liga. Wenn in China Artikel erschienen, die überschrieben sind mit dem Titel „Die Deutschen essen Vogelscheiße“, es wäre den Chinesen als Akt der Konterverächtlichkeit kaum zu verübeln.

Aber nun Wolfslosung. Auf dem Titelfoto kann man neben dem vergleichsweise frischen Kothaufen die angeschnittene Hand meiner Biologenfrau erkennen, „banana for scale“ mit manuellen Hilfsmitteln gewissermaßen. Der Grund, warum ich dieses spezielle Wolfskotfoto (tolles Tripelkompositum nur mit o als Vokal!) ausgewählt habe: Man erkennt gut das schwarze Hornstückchen, das zuvor mitten im Kot steckte. Es handelt sich dabei um die Schalen (also Fußnägel) eines Rehs, genauer um das Geäfter (wahrscheinlich). So heißen die hochgestellten 2. und 5. Zehennägel des Schalenwilds, also von Rehen, Hirschen und Wildschweinen. Das ist deshalb sehr relevant, weil es eben nicht besonders viele Tiere gibt, die erwachsene Rehe überhaupt jagen, samt Läufen aufessen und dadurch überhaupt erst ausscheiden können. Eigentlich bleibt realistischerweise nur der Wolf, und weil das Foto vom ehemaligen Truppenübungsplatz Jüterbog stammt, wo bekanntermaßen ein Wolfsrudel wohnt, ist die Chose denn auch klar.

Dieses Buch kommt harmlos niedlich daher mit schicken Fuchs- und Frischlingsbildern – muss aber als norddeutsche Säugetierbibel der Kotfotografie gelten. Empfehlung!

Dieses Buch kommt harmlos niedlich daher mit schicken Fuchs- und Frischlingsbildern auf dem Cover – muss aber als norddeutsche Säugetierbibel der Kotfotografie gelten. Empfehlung!

Die vielen Haare im Kot, eigentlich besteht der Kot sogar fast nur aus Haaren, sind sehr unüberraschend natürlich ein Kennzeichen von Raubtieren. Kleine Kotkunde: Spitz zulaufende Wurstenden sind generell ein Kennzeichen von Raubtierkot, weil sie auf eine größere Zahl von unverdauten Haaren hindeuten. Die klassische Köttelform dagegen zeigt dem Kenner einen Pflanzenfresser an, wie auch unverdaute Pflanzenfasern. Gut, Kotkunde ist offensichtlich eher keine Geheimwissenschaft.

Wolfskot ist oft eher trocken, daher könnte man meinen, er sei älter. Der Wolfskot im Bild aber ist 12 bis 36 Stunden alt, also einigermaßen frisch. Die Galerie hier zeigt (vermutlich, Biologen neigen bei der Tierbestimmung zu recht dazu, sich nur selten zu 100% festzulegen) verschiedene Wolfskothaufen in verschiedenen Stadien.

So ist das mit der Wolfslosung. Ein quartalsinteressantes Feld, wenn man sich auch nicht jeden Tag rund um die Uhr mit Wolfskacke beschäftigen möchte. Wenn man es manchmal doch tut, schult man seine Unvoreingenommenheit der Natur gegenüber, und das ist sehr wichtig. Am Anfang ist es durchaus nicht unschwierig, ich persönlich bin jetzt nicht in den ersten Haufen, den mir die Biologenfrau mit einem freudigen Glitzern in den Äuglein gezeigt hat, begeistert mit Anlauf reingesprungen. Aber die Zeichen der Wildnis zu lesen, zu denen die Losung gehört, erzeugt eine Art „Indianer-Gefühl“, der halbproblematische Begriff „Indianer“ hier als kindliches Hilfswort für kulturelle Sphären gemeint, in denen ein Respekt vor und eine Verbundenheit mit der Natur selbstverständlicher sind als im heutigen Mitteleuropa. Was ungefähr für jede Kultur gilt. Denn viele von denen, die glauben, bei Umweltschutz und Naturverbundenheit voll dabei zu sein – sind eigentlich bloß einer postmodernen Neuauflage einer oberflächlichen, weil kenntnisaversen Naturromantisierung aufgesessen. Leute, die zwar unbedingt organisch-biologisch einkaufen wollen, aber dann trotzdem nur die Früchte auswählen, die perfekt geformt, erwartungskonform gefärbt und einzeln per Helikopter eingeflogen worden sind.

Das Starren auf Wolfskot aber erzeugt im Gegensatz zum ritualisierten Einkauf im Biomarkt – in den richtigen Maßen und zum richtigen Zeitpunkt genossen – auch ein Gefühl der Erhabenheit. Wölfe, diese großartigen Tiere, waren in Deutschland schon ausgestorben – und jetzt steht man nachweislich an einem Ort, an dem noch kurz zu vor ein echter, wilder Wolf stand. Die schiere Erhabenheit! Wahnsinn! Beziehungsweise hockte er und vollzog in mutmaßlich krampfiger Schließmuskelaktivität die Kotablage, das schmälert dann doch die Erhabenheit ein winziges Bisschen, lässt sich mit etwas Übung aber verdrängen. Unglaublich, eben war noch ein Wolf an diesem Ort und jetzt schon stochern wir in den Rehresten, die in Folge von Muskelkontraktionen durch seinen eleganten Körper gepumpt wurden, während er nachts auf der Landstraße trabend versuchte, nicht überfahren zu werden. Das Universum ist ein gleißender Ort.

 

2 Kommentare

  1. Lieber Sascha Lobo, danke für den Artikel! Ich wohne unweit von dem Gebiet, wo Du die Wolfslosung gefunden hast. War bei mir auch schon fündig. Das Gebiet Heidehof-Golmberg beherbergt ein Wolfspärchen. Zur Verifizierung meines Fundes habe ich Bilder gegoogelt und bin dabei auf Deinen Artikel gestoßen. Danke dafür!

  2. „Schnepfendreck“ meint lediglich, dass dieser fette Vogel unaufgebrochen inklusive der Innereien zubereitet und gegessen wurde – mit dem EXPLIZITEN Essen von Tierkot hat das aber so ziemich überhaupt nichts zu tun und unaufgebrochenes Wild wird auch in anderen Kulturen so gegessen, das ist jetzt kein Phänomen allein in Deutschland.
    Eine gehobenere Variante von „Schnepfendreck“ ist es, die vorab ausgewaschenen (!!!) Innereien zu einem Brotaufstrich für die Vorspeise zu verarbeiten und die Schnepfe dann als Hauptgang zu sich zu nehmen…
    Soviel zu diesem – in Ermangelung von jagdlichem Fachwissen – misslungenen Beispiel.

Kommentar verfassen