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Sommergoldhähnchen

Wenn es einen Punkrocker gibt im Vogelreich, dann das Sommergoldhähnchen. Denn wie jeder weiß, ist allein die Frisur ausschlaggebend für die Punkrockizität eines Lebewesens. Und ein orangener Iro ist da einfach vorn.

Art: Sommergoldhähnchen (Regulus ignicapilla)
Erstsichtung: 10.05.2015
Ort: Schnatermann bei Rostock
Habitat: Mischwald

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Sommergoldhähnchen 54.182731, 12.178688 Schnatermann, Rostock, Deutschland (Routenplaner)

Der Vogel hat ja nicht nur eine der besten überhaupt habbaren Frisuren. Er ist auch in einen alten Streit um die Krone aller Vögel verwickelt. Eine von Aristoteles wiedergegebene Fabel Aesops geht ungefähr so: Die Vogelwelt wollte einen König haben, weil das damals en vogue war. Die Krone sollte bekommen, wer am höchsten fliegen kann. Der Adler sah schon wie der sichere und ja irgendwie auch standesgemäße Sieger aus, da schlüpfte ein kleiner Vogel aus seinem Gefieder und flog noch ein Stückchen höher. Zack, König der Vögel.

Der Streit ist nun, ob sich dabei um den Zaunkönig handelt (sagen die meisten) oder um ein Goldhähnchen (sagen die Goldhähnchensympathisanten). Für beide Varianten gibt es eine Reihe einleuchtender Argumente.

Zaunkönig
• Aristoteles beschreibt Lebensraum und Verhalten des Vogels, und beides scheint eher zaunkönighaft
• die Fabel geht in einigen Fällen noch weiter, der potentielle König muss ein paar andere Quests erfüllen, und auch da wird eher zaunköniglikes Verhalten beschrieben
• wenn man eine gewisse linguistisch-analytische Ader hat, stellt man nach intensiver Recherche fest, dass bereits im Namen „Zaunkönig“ eine erahnbare, wenn auch hauchzarte Andeutung verborgen ist

Goldhähnchen
• der lateinische Name des Goldhähnchen ist „Regulus“, und das heißt immerhin „kleiner König“ (leider erst von Brehm festgelegt, naja)
• in allen Fabeln ist immer die Rede vom „kleinsten Vogel“, und das sind in Europa Sommer- und Wintergoldhähnchen
• Supertrumpf aber natürlich – die Frisur. Denn bei der Balz richten sich die gelborangen Scheitelfedern des Männchens zu einer Krone auf

Entscheiden Sie selbst, welcher Vogel eigentlich der König der Vögel ist! Aber bitte nicht anhand der englischen Wikipedia, wo zwar im Gegensatz zur deutschen die Goldhähnchen-Variante der Fabel erwähnt ist. Das aber wird mit einem Verweis auf Fußnote 4, Seite 52 in Arthur Bernard Cooks Buch „Zeus: A Study in Ancient Religion“ (Cambridge University Press 1914) getan. Und wie es der Teufel will, liegt mir das Buch vor: die vierte Fußnote auf Seite 52 ist keine Klärung der Goldhähnchenregentschaft, sondern eine schnöde Aufzählung römischer Imperatoren. Das mag jetzt wenig mit dem wunderschönen Vögelchen zu tun haben, aber wenn ein derart schwerwiegender Fehler in der Wikipedia vorliegt, kann man das schon mal öffentlich machen.

Das Sommergoldhähnchen brütet übrigens gern in der Nähe von Habichtnestern, um deren rabiates Schutzgebaren gegenüber Nesträubern gratis mitzunutzen. Bei knappen 9 Zentimetern Länge und einem Kampfgewicht von 4 Gramm muss man sich halt wirklich etwas überlegen. Und wo gerade die Rede von Kleinheit ist: die Eierchen dieses Vögeleins sind 1 Zentimeter dick und 1,4 Zentimeter lang, das sind ziemlich genau die Maße eines normalen Fingernagels. Die daraus schlüpfenden Miniküken können in den ersten Tagen ihres Lebens nur mit Springschwänzen gefüttert werden, die mit 0,1 bis über 1 Millimeter Größe überhaupt in den Schnabel passen. Danach bekommen die jungen Nanovögelchen Schneckenhausscherben zu essen, für das Knochenwachstum.

Im Schnatermann lief die Entdeckung dieses kleinen Vogels soundbasiert. Der Gesang ist so hoch und hundepfeifig, dass man ihn leicht überhört oder für irgendeine ferne Sirene hält. Zu entdecken ist er nur sehr schwer, aber wir hatten a) Glück und haben b) etwas einigermaßen Umstrittenes getan. Nämlich via App den Gesang eines Goldhähnchens abgespielt, was das abgebildete Exemplar neugierig gemacht und aus den Wipfeln ein paar Meter herab hat hüpfen lassen.

Ein Vogel mit Iro jedenfalls. Eigentlich irre.

11 Kommentare

  1. Sascha Lobo sagt

    Es handelt sich um die höchst abschreckend benannte App „Eurobirds“. Könnte auch eine englische Singlebörsen-App sein mit dem Namen, aber ist tatsächlich die beste Vogelstimmenapp, die sich nach acht Minuten oberflächlicher Recherche finden lässt im Appstore.

  2. So eine Vogelbestimmungs-App, die wie Shazam oder Soundhound arbeitet, gibt es aber nicht, oder? Also wo der Vogel dem Smartphone etwas vorzwitschert und die App dann den Vogel bestimmt?

    • Frau Meike sagt

      Wir haben keine gefunden, aber auch nicht gesucht. Meist gibt es in der Natur erstaunlich viele Hinweise, die bei der Indetifikation helfen. Dass Biologen die fantasielosesten Geschöpfe der Erde sind und Vögel oft entweder nach der Gefiederfarbe (Goldammer, Bluthänfling, Schwarzspecht), dem Lebensraum (Rohrammer, Feldschwirl, Wiesenralle) oder dem Gesang (entweder lautsprachlich wie bei Kuckuck und Zilpzalp oder beschreibend wie bei den Spöttern und Piepern) benennen, zum Beispiel. Wenn der Vogel eine auffällig Farbe hat oder das Habitat Besonderheiten aufweist, dann lohnt es sich oft, einfach nach diesen Charakteristika zu suchen. Einen unermüdlich schnatternden Vogel mit gelbem Bauch haben wir mal identifiziert, indem ich aufs Geratewohl „Gelb“ eingegeben habe und sofort auf den Gelbspötter stieß, der es dann auch war.

    • Ich habe ein Vogelstimmenshazam namens ChirpOMatic. Ungefähr fünfmal versucht, damit Vogelstimmen zu bestimmen, die Antwort lautete fünfmal: nichts gefunden.
      Lag wahrscheinlich daran, dass ich so seltene Vögel wie Amseln um mich herum hatte. Vielleicht muss man den Vogel auch erst isolieren und ihm das Mirko direkt unter den Schnabel halten.

  3. Tolles Blog! – Seit einigen Jahren beobachte ich Vögel – mich hatte es damals gewurmt, meinem Sohn nicht die Namen der Vögel nennen zu können, die bei uns im Garten herumfliegen: „Das ist ein … äh … Vogel.“ (Ich habe seit dem sage und schreibe 43 verschiedene Arten von unserem Garten aus sichten können!). Ein Sommergoldhähnchen habe ich allerdings noch nie gesehen, Glückwunsch dazu. Wintergoldhähnchen lassen sich übrigens während des Vogelzugs in größerer Zahl z.B. auf Fehmarn gut beobachten.

  4. Pingback: Woanders – diesmal mit Delfinen, Wohnungslosen, Einkaufswagen und anderem | Herzdamengeschichten

  5. Bastian sagt

    Ich nochmal…es gibt keine App, welche Gesänge von Vögeln analysiert. Und das ist auch gut so, denn interessant und gar nicht mal so schwer ist es, wenn man einfach nur zuhört und dann nach dem Ausschlussverfahren und z.B. Xeno-canto zum Ziel kommt. Habitat, Pflanzenart, Zeitraum etc. grenzen schon erheblich ein. Als Beispiel des SGH’s …aktuell stark in der Ausbreitung begriffen (entgegengesetzt zum Wintergoldhähnchen und unzähligen anderen Arten)…man nehme eine staatliche Fichte mit guter Belaubung, sensible Ohren auch für feine sehr hohe Töne und etwas Zeit im vorrangeschrittenen Frühjahr.egal ob Stadt oder Land..nach nicht einmal 20 exponierten Picea spec. dürfte der Reviergesang erhörbar sein.
    SGH und WGH sind unsere kleinsten Vögel und bei einem genügenden Befall mit Sitka-Läusen ist der komplette “Kosmos“ eines dieser Vögelchen deren einzige Fichte. Mehr braucht’s fast nicht.

    Empfohlen sei an dieser Stelle allen interessierten Vogelkiekern der KOSMOS VOGELFÜHRER. Ein verdammt nützliches Buch beim schönsten Hobby der Welt. 😉

    Gute n8

  6. Mark sagt

    Heute Mittag hat sich ein Sommergoldhähnchen in unsere Wohnung verflogen. Nach einigen Runden durch Küche und Wohnzimmer (ca. 15 Min.) hat sich das aufgeregte Männchen in einer kleinen Palme „versteckt“ mit der ich – unter beruhigendem Zureden 🙂 – ihn wieder nach draußen tragen konnte.

    Was für ein schöner Besuch eines Vögelchens, das wir bisher noch gar nicht kannten :)!

  7. Chris sagt

    Hallo, hab heut auch zum ersten mal ein Sommergoldhänchen gesehen. Hab garnicht gewusst was es bei uns alles für Vögel gibt. Allerdings lebte es nicht mehr da unsere Katze es mit nach Hause gebracht hat.

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