Vögel
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Ziegenmelker

Eine etwas intime Frage: Wer hätte noch nicht davon geträumt, als Schnabelkerf wiedergeboren zu werden? Oh, nicht? Sondern … Sie … wissen gar nicht, was ein Schnabelkerf überhaupt ist? Wusste ich auch nicht, bis ich einem Ziegenmelker begegnete.

Art: Ziegenmelker (Caprimulgus europaeus)
Erstsichtung: 1. August 2015
Ort: Truppenübungsplatz Jüterbog, Naturpark Nuthe-Nieplitz
Habitat: trockene, wärmebegünstigte Landschaften wie Heiden und trockene Moore

Schnabelkerfen sind eine Insektenordnung, zu der die Zikaden gehören, die Wanzen und zum Beispiel auch Blattläuse, insgesamt über 80.000 Arten. Aber eigentlich geht es gar nicht um Schnabelkerfen selbst, sondern um die schlimmsten Albträume der Schnabelkerfen. Und das ist eben der Ziegenmelker. Man kann das natürlich nur vermuten, die Insektenpsychologie ist ein elend untererforschtes Feld. Aber es gibt für diese Vermutung doch eindeutige Hinweise.

Ein Gedankenexperiment, das manchen schwerer und manchen leichter fallen dürfte: Sie sind ein Schnabelkerf*. Sie hatten in einem Gebüsch einen einigermaßen anstrengenden, aber ertragreichen Tag mit leckerem Pflanzensaft oder süßem Nektar. Jetzt aber ist es bereits dämmerig, und Sie möchten sich ein sicheres Plätzchen zur Nacht suchen. Sie erinnern sich daran, dass Sie als Schnabelkerf zu den Halbflüglern zählen und also fliegen können. Sie flügeln daher summend durch die Dämmerung und schnabelkerfen ein wenig vor sich hin, wie es Ihre über Generationen eingeübte Art ist. Plötzlich befällt Sie eine gewisse Nervosität. Ist es zu ruhig? Hat Sie Ihr taumelnder Schnabelkerfenflug vielleicht in ungünstige Lüfte geführt? Sie kerfen scharf nach rechts, um einen Blick auf den Luftraum hinter sich zu erhaschen – und da. Der Horror. Der Horror.

Es ist nicht nur einfach ein Vogel. Wenn man wie Sie ein Schnabelkerf ist, lernt man schnell, dass Vögel der federbewehrte Tod sind, schnell, allgegenwärtig, gefräßig. Aber das Vogelproblem haben Sie bisher jedes einzelne Mal lösen können, Ihrer Meinung nach sind Vögel eben auch ungeheuer plump. Wenn diese riesigen Federmonster erst einmal in eine Richtung fliegen, mein Gott, da kann man einen ordentlichen Pflanzensaft trinken gehen oder zwei, bevor die auch nur ihren Vogelarsch zur Hälfte gewendet kriegen.

Aber es ist nicht nur einfach irgendein Vogel. Es ist – ein Ziegenmelker. Es ist der Vogel, von dem man in Schnabelkerfenkreisen leise schaudernd erzählt, in bedrückenden, düsteren Momenten. Ein Ziegenmelker kommt auf Sie zu, und es ist der Alptraum jeden Schnabelkerfs, denn es gibt kein entrinnen. Es ist eben nicht nur, dass der Ziegenmelker eine große Zahl verschiedener Flugmanöver beherrscht.

Es ist vor allem – sein Schlund. Wie ein stürzender Blitz fährt der Ziegenmelker auf seine bevorzugten Beutetierchen, nämlich Schnabelkerfen – das sind Sie! – zu. Und dann reißt er seinen Schnabel auf. Mit geschlossenem Mund wirkt der Schnabel des Ziegenmelkers beinahe zierlich. Ein niedliches Schnäbelchen! Möchten Sie ausrufen. Ha! Manche Schnabelkerfen würden sich für ein solches Winzschnäbelchen wohl schämen, denken Sie – und dann.

Der überwinkelweit aufgerissene Schnabel des Ziegenmelkers rast auf Sie zu. Und augenblicklich wissen Sie, warum in den schlimmsten Höllenvisionen der Schnabelkerferia der Ziegenmelker die Hauptrolle spielt, denn der kleine Schnabel hat sich geweitet zu einer Schluckhöhle für Schnabelkerfen. Der heranfliegende Ziegenmelker hat seine schwarzen Augen aufgerissen und besteht für Sie ansonsten nur noch aus einem blutrosa Schlund, umrahmt von Borsten, die die Fangweite des Schlundes trichterhaft noch größer und unentrinnbarer machen. Es gibt kein entkommen, der fliegende Riesenschlund verschluckt Sie (hier kriegen Sie einen visuellen Eindruck (NSFS! not safe for Schnabelkerfen).

Ziegenmelker sind (außer für Schnabelkerfen) ganz großartige Vögel, ich mag sie sehr gern. Weil sie trockene, warme Gebiete mögen, in denen wenig Vegetation vorkommt, sind sie in Deutschland gar nicht mehr so häufig vorhanden. Auf dem Truppenübungsplatz Jüterbog, wo auch das Foto oben entstanden ist, gibt es sie aber in größerer Zahl. Ohne dass man sie besonders einfach sehen würde. Eigentlich sieht man Ziegenmelker nie, und zwar sogar dann, wenn man sie sieht.

Denn Ziegenmelker sind so gut getarnt, dass sie noch mehr nach Baumrinde aussehen als Baumrinde. Die Erstbegegnung findet statt, als wir auf einem selten beschrittenen Sandweg langgehen, meinen Blick durch’s Besenheide-Gestrüpp (Calluna vulgaris) schweifen lasse und mich frage: Huch, dieser astähnliche Haufen Baumrinde auf dem Boden, da liegt ja ein Schnabel dran. Ich stehe vielleicht anderthalb Meter entfernt und der Haufen scheint neben dem Schnabel ein Auge zu haben. Schnabel und Auge, aber in meinem Kopf ist das immer noch Rinde, ein halbverwitterter Ast. Ich brauche drei, vier Sekunden, bis das Logikzentrum meiner Wahrnehmung eine Ohrfeige verpasst und sich langsam aus dem Ast die Umrisse eines Vogels heraushirnen lassen. Ein Vogel am Boden, der sich nicht bewegt, vielleicht ist er tot?

Ich drehe mich also zu meiner Frau hin und rufe: „Hier liegt ein Vogel oder so am Boden.“ In intensiven Tierbeobachtungssituationen leidet mein ansonsten auch bei Stress tadellos funktionierendes Sprachzentrum unter massiven Wirrheitsanfällen. Regelmäßig rufe ich laut, aber stammelig: „Da! Ist ein, äh – Mann!“ Und ich meine natürlich gar nicht Mann, das ist bloß das Füllwort für „unidentifizierter, vermutlicher Raubvogel“.

Und dann fliegt der Vogelast auch schon auf, und meine Frau schreit: „Aaahhhh! Ein Ziegenmelker!“ Ein Ziegenmelker! Ein unglaublich schöner Vogel mit einem merkwürdigen Namen, der einem viel über den Aufbau der Welt verrät, je länger man über ihn nachdenkt.

Plinius der Ältere lebte von 23 bis 79 und starb bei einem Vulkanausbruch des Vesuv, einer der Tode, die sich vermutlich bedeutend glamer anhören als sie sich live anfühlen. Er verfasste eine sehr einflussreiche Naturbeschreibung in 37 Bänden, die „Naturalis historia“, die zu einer der wichtigsten Grundlagen der Tier- und Naturbeschreibung in Europa wurde. Es ist ein Werk von allergrößter Wunderbarizität. Manches ist verwirrend, manches grandios, alles interessant.

Das zehnte Buch heißt „Von der Natur der Vögel“, aber es kommen Kapitel drin vor, die heißen: „Salamander“, „Tiere, die selbst träumen“, „Belege für die Zuneigung von Schlangen“ oder „Welche Fische das beste Gehör haben“. Das ist jetzt nicht naheliegend für ein Vogelbuch. Ein Kapitel heißt: „Welche Tiere nichts lernen können„, die zwei niedergeschriebenen Antworten lauten „Schwalben“ und „Mäuse“, mit der einschränkenden Fußnote allerdings, dass Albertus Magnus behauptete, man könne Schwalben sehr wohl zähmen. Ein anderes Kapitel ist in den englischen Übersetzungen überschrieben mit „Fabulous Birds„, und man freut sich beim überfliegen auf fabelhafte Vögel, es sind dann aber bloß vogelhafte Fabelwesen aus Märchen und Sagen.

Eine knallgrandiose Handschrift der „Naturalis historia“ (15. Jhd.) aus Florenz.

Neben seiner Großartigkeit ist „Naturalis historia“ aber gleichzeitig auch ein Beispiel dafür, wie einmal eingeschliffene Fehler Jahrtausende überdauern können, selbst dann noch, wenn man von ihnen weiß. In „Von der Natur der Vögel“, schreibt Plinius im Kapitel 56 wörtlich: „intrant pastorum stabula caprarumque uberibus advolant suctum propter lactis„.

Das bedeutet, von mir (Latinum, zuletzt im 20. Jhd. angewendet) etwas unbeholfen übersetzt: „Sie [die Vögel] dringen in die Ställe der Hirten ein und fliegen zu den Eutern der Ziegen, um dort Milch zu saugen.“ Daher kommt der Name Ziegenmelker (lat: caprimulgus). Die Folge dieser Ziegenmelkattacke sei, so Plinius der Ältere, dass das Ziegeneuter vertrockne und die Ziege anschließend erblinde.

Das ist natürlich völliger Unfug, aber das liegt eben auch an Plinius‘ Ansatz: Er ist Geschichtsschreiber und beschreibt nicht bloß die Natur, sondern vor allem auch die Erzählungen über die Natur. Er vermischt, wie sich spätere Gelehrte jahrhundertelang beschweren werden, munter Fabeln und nüchterne, quasiwissenschaftliche Beschreibungen. Über eintausendsiebenhundert Jahre später in der deutschen Übersetzung von Johann Daniel Denso von 1764 problematisiert der Übersetzer in seinem Vorwort diesen Umstand und auch indirekt, dass auf diese Weise Unwahrheiten in die Welt geraten, weil nicht jeder diese Vermischung von Plinius begreift – und übersetzt doch wieder die kleine Ziegensaugefabel ohne Hinweis auf die Falschheit. So ist die Welt, man macht Fehler, erkennt sie und macht sie wieder, genau wie Denso, diese Fußhupe. Allerdings findet sich dort in der deutschen Übersetzung auch ein anderer, superfamoser deutscher Name für den Vogel, nämlich: Tageschläfer.

Und genau das tut der Ziegenmelker auch, er schläft am Tag, oft auf dem Boden, und verlässt sich auf seine Tarnung, was der verblüffend perfekten Rindenkostümierung wegen meistens funktioniert, aber zum Glück dieses eine Mal bei mir nicht. Nicht ausreichend gut jedenfalls.

Der Vogel fliegt also auf. Obwohl er so ein wendiger Flieger ist, möchte er tagsüber nicht mehr Fluchtenergie investieren als unbedingt notwendig und flattert üblicherweise nur ein paar Meter weiter. Das ist unsere Chance, der aufgeschreckte Ziegenmelker-Tageschläfer landet tatsächlich auf einem nahegelegenen Ast etwa in Augenhöhe. Dort ist das obige Foto entstanden, das, wie ich leider zugeben muss, die Schönheit dieses schönen Schönvogels nicht ausreichend einfängt.

Aber es ist ein besonderes Foto, denn man sieht nur selten einen Ziegenmelker am Tag in freier Natur. Dafür hört man sie in der Dämmerung und in der Nacht leichter. Ein schnarrendes Singen, beinahe wie von einer unter Strom stehenden Kröte. Es gibt gar nicht so viele Singvögel in Deutschland, die auch im stockdunkeln zu hören sind. Die Nachtigall kennt man, der Sumpfrohrsänger singt auch nachts, einige Stadtvögel, die durch Licht und Lärm verwirrt sind – und eben der schnarrende Ziegenmelker.

Wir haben, trotz intensiver Ausschauhaltung in genau diesem Habitat, danach tagsüber nie wieder einen gesehen. So ein schöner Vogel! Wenn man kein Schnabelkerf ist.

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Ziegenmelker 52.070221, 13.045578 (Routenplaner)

4 Kommentare

  1. Danke für diesen wirklich schönen Beitrag. Und von diesem besonderen Vogel habe ich noch nie gehört gehabt …

  2. Karola sagt

    Geniale Abhandlung!! Genialer Schreibstil!! Danke, Sascha Lobo!! Ich kannte Sie bislang nur als den Blogger mit dem – es sei mir verziehen – paradiesvogelhaften Hahnenkamm. Bin aufs Angenehmste überrascht. Und der Ziegenmelker-Tagschläfer hat jetzt definitiv meine – fast – ungeteilte Aufmerksamkeit errungen. Gern mehr davon!!!!!!

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