Beifang, Pilze
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Ästiger Stachelbart

Der Ästige Stachelbart war Pilz des Jahres 2006, ist streng geschützt und schmeckt so mittel bis okay. Ups.

Art: Ästiger Stachelbart (Hericium coralloides)
Erstsichtung: 14. September 2014
Ort: Dovinsee
Habitat: Auf den Stämmen morscher Laubbäume

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Ästiger Stachelbart 52.998111, 13.788107 Dovinsee, Joachimsthal, Deutschland (Routenplaner)

Das geht natürlich nicht, ernsthaft, unironisch, einen Pilz zu essen, der auf der Roten Liste der geschützten Arten steht. Es ist uns trotzdem passiert, und das kam so.

An einem großartigen Pilzsammeltag, der uns eine schier unfassbare Zahl an Parasolschirmen absonderlicher Größe und eine ordentliche Zahl an Wiesenchampignons bescherte, liefen wir noch ein paar hundert Meter von den Kuhwiesen durch den Wald.

Keine 25 Meter vom Waldweg entfernt leuchtete es geradezu chlorbleichweiß durch das gerade eben noch grüne Blattwerk. Erster Gedanke (10 Meter): Hurra, eine Krause Glucke, Fette Henne oder Sparassis crispa! Zweiter Gedanke (3 Meter): Nein, doch nicht, am Ende eine Bauchwehkoralle, also eine Ramaria mairei? Die Bauwehkoralle heißt übrigens Bauchwehkoralle, weil sie mit Salbei und Weißwein aufgebraten außerordentlich wohlschmeckend und– haha, nein, natürlich nicht, sie trägt den Namen vollkommen zurecht. Bonusfeature übrigens: die Giftstoffe der Bauchwehkoralle sind noch weitgehend unerforscht.

Aber das war eben keine.

Eine unserer Pilzapps ergab dann eine hohe Wahrscheinlichkeit für einen essbaren Stachelbart. Aber welchen genau? Die Pilzapp-Lage im deutschen Sprachraum ist so mittel, kaum eine, die mehr als zehn dutzend Pilzarten am Start hat. Vorsichtig schnitten wir ein kleines Stückchen ab, um es zu Hause bestimmen zu können. Meinen Vorschlag, vorsichtshalber ganz viel aus Gründen der eventuellen Verzehrmöglichkeit mitzunehmen, konterte die zufällig anwesende Biologin mit einem lautstarken „NOOOOOAAAAAIINNN!“ Dabei standen dort acht, neun, zehn Stachelbärte über ein paar hundert Quadratmeter verteilt.

Zu Hause Klarheit: ein Ästiger Stachelbart und damit essbar. Leider aber auch: Gefährdet, geschützt, Rote Liste Kategorie G2, also „stark gefährdet“, wir waren böse. Verdammt. Trauer. Scham. Ärger über die eigene Gedankenlosigkeit. Macht man sich im Pilzsammelrausch nicht klar, dass auch Pilze geschützt sein können. Das herausgebende Organ der Roten Listen, das Bundesamt für Naturschutz, schreibt zwar: „Im Gegensatz zur weitverbreiteten Annahme ist das sachgerechte Sammeln der Fruchtkörper der Großpilze als Gefährdungsursache nur von untergeordneter Bedeutung.“ Aber untergeordnet ist ja nicht null, und abgesehen davon reißen viele Leute Pilze aus dem Boden, statt sie abzuschneiden – und das ist dann doch wieder sehr schädlich, weil der unterirdische Fruchtkörper darunter leiden kann.

Aber weil ein Stückchen des geschützten, essbaren Pilzes eben schon mal in der Küche lag, brieten wir ihn in Butter. Er schmeckte so lala.

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